Die Manifestation des Präventionsparadoxes

Geschlossene Niki-de-Saint-Phalle-Promenade in Hannover. 21.03.20, Hannover

Von “Flatten The Curve” zu …

Als sich der Ausbruch des neuartigen Coronavirus’ Anfang 2020 zu einer globalen Pandemie entwickelt, bestimmen Berichte von erschöpften Krankenpfleger*innen und Ärzt*innen aus Italien und Bilder von Desinfektionstrupps in Schutzanzügen die Nachrichten. Seit langer Zeit trifft eine Krise solchen Ausmaßes Deutschland und spielt sich für uns nicht nur in weiter Ferne und abends in der Tagesschau ab. Die Trends auf Social Media werden von #flattenthecurve, #socialdistancing und #stayathome dominiert. Viele Menschen fühlen sich zunehmend verunsichert und auch die Politik gerät schnell unter Handlungsdruck.

Protest am am 25. April an der Löwenbastion. Dr. Carola Javid-Kistel spricht. 25.04.20, Hannover

Protest gegen Einschränkungen von Grundrechten

In den ersten Wochen der Pandemie rückten Politik und Gesellschaft zusammen. Die Maßnahmen der Bundesregierung fanden große Unterstützung in der Bevölkerung und die Umfragewerte der CDU zeigten steil nach oben. Nicht einmal die AfD hatte anfangs einen wirklichen Gegenentwurf zu den Maßnahmen. Je mehr sich allerdings abzeichnete, dass Deutschland eine Überlastung des Gesundheitssystems fürs erste verhindern konnte, desto mehr befreiten sich die politischen Akteure aus ihrer Schockstarre. NRWs Ministerpräsident inszeniert sich bald als Manager der Lockerungen, Boris Palmer stellt fest, dass Menschen eh irgendwann sterben und Liberale und Konservative sehen ihre Chance in der Verteidigung unsere Grundrechte, die durch die Maßnahmen gegen das Coronavirus zu weit eingeschränkt worden seien. Auch durch die später eingeführte Maskenpflicht in ÖPNV und Geschäften fühlen sich einige in ihren Rechten beschnitten. Diese Stimmung in Teilen der Bevölkerung nutzen auch Andere aus, die in der Krise politisches Kapital sehen.

Ein Mann macht ein Foto von einem “Gib Gates keine Chance!” Aufkleber, den ein Anderer an ein Polizeifahrzeug geklebt hat. 9.5.20, Hannover

Telegram als Durchlauferhitzer für die Radikalisierung

Bei Telegram ist der Einstieg in eine Gruppe besonders niedrigschwellig. Auf den Link geklickt, kann bereits mitgelesen, nach Beitritt dann auch diskutiert werden. Zuerst gründet sich in Hannover der Chat “Wir Wachen Auf”- hervorgegangen u.a. aus dem sogenannten Impfstammtisch. Die Gruppe ist von vornherein fest in der Hand von Impfgegner*innen. Viele junge Frauen mit Kindern finden sich bei den ersten Protesten ein. Eine, die besonders engagiert ist: Dr. Carola Javid-Kistel, die bei den Veranstaltungen von “Hannover Wacht Auf” spricht. Es liegen Unterschriftenlisten für eine Petition gegen einen vermeintlich anstehenden “Impfzwang” aus. Die Ärztin und Homöopathin aus Duderstadt gibt der Gruppe und den Kundgebung einen seriösen Anstrich.

Meditation am Rande der Hannoveraner “Hygienedemo” am Maschsee. 02.05.20, Hannover

Akte der “Rebellion”

Zur Termin- und Aktionsabsprache finden sich oft Redefreudige. So plant man zur nächsten Demonstration in Hannover einen Spaziergang zu machen. Gemeinsam soll gestartet werden: Vom Hannoveraner Hauptbahnhof zum Protest am Steintor — vorausgesetzt, der findet dort statt. Später werden noch Verantwortliche für den Spaziergang ernannt. “Unterm Schwanz” soll sich um 14:00 Uhr am Hauptbahnhof getroffen werden. Auch Montagsspaziergänge sind bereits angedacht. Zu einem Ersten kamen knapp 20, zum zweiten nur noch 3. Die Polizei war mit viel Personal vor Ort.

Ein Mann mit Sturmhaube und “Gib Gates Keine Chance” Pullover nimmt am Protest teil. 02.05.20, Hannover

Alle gegen Gates ?

Es dauert eine Weile im Wirrwarr der Links und Beiträge eine gemeinsame Ideologie zu finden. Die Einen sagen, CoViD-19 sei im Labor gemacht um Bürger*innen Zwangszuimpfen; Andere sagen, 5G würde die Symptome auslösen. Manche meinen, Bill Gates wolle ihnen Mikrochips einpflanzen, andere sehen nur die Raffgier als Motiv, einen Impfstoff zu entwickeln. Leichte Erklärungen bieten Lösungen für komplexe Probleme.

Verschiedenste Theorien gesammelt auf einem Banner. 25.04.20, Hannover

Corona Querfront?

Anfang März bestand vielleicht noch eine kleine Hoffnung: Der extremen Rechten fehlten stichhaltige Antworten auf die akute Bedrohung durch die Pandemie. Vielen war und ist bewusst, dass um die Krise bestmöglich zu überwinden, Solidarität das Gebot der Stunde ist. Solidarität mit Alten und Vorerkrankten, Solidarität mit Menschen die kein Zuhause haben, um sich zu schützen und mit denen, die mit Nichts an den Außengrenzen festsitzen. “Nationale Initiativen” in der Nachbarschaft waren mehr peinlich, als aktiv.

Teilnehmerin der Proteste mit gelbem Stern und “Nicht geimpft”-Aufschrift. 09.05.20 — Foto von Felix Dressler

Fakten und Framing

Am 9. Mai in Hannover demonstrieren Hunderte gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie in Deutschland. Zwei Kundgebungen wurden angemeldet. Dicht gedrängt lauschen Menschen den Reden am Opernplatz, während am Georgsplatz meditiert wird und für Freiheit gesungen wird. Noch mehr drängen sich um den von der Polizei abgegitterten Bereich. Neben denen, die sich vor Geschäften mit Abstand in Schlangen stellen, Mundschutz tragen und immer noch versuchen, sich an Empfehlungen von Wissenschaftler*innen zu halten, findet der wohl größte Protest in Niedersachsen, seit Beginn der Corona Pandemie, statt. In der Mitte des Platzes stehen Polizist*innen. Der Menschenmenge, die dem Aufruf von Kai Orak und Xenia Schaad gefolgt ist, stehen etwa 60 Gegendemonstrant*innen gegenüber. Sie halten Abstand, tragen Mundschutz und präsentieren ein Banner mit der Aufschrift “Querfront & Verschwörung”.

Kai Orak spricht mit Alibi-Mundschutz bei seiner Kundgebung. 09.05.20, Hannover
Offenes Mikrofon am Opernplatz: Hunderte Lauschen. 09.05.20, Hannover
Interview mit Prof. Homburg durch den NDR. 02.05.20, Hannover

Der Professor

In Hannover hat die “Bewegung” auch einen prominenten Befürworter. Prof. Homburg, der an der Leibniz-Universität das Direktorat der Fakultät für öffentliche Finanzen inne hat, sprach bei der ersten Veranstaltung von “Hannover wacht auf”. Rein zufällig sei er vorbeigekommen. Beim zweiten mal wäre er nur noch “privat” und nicht als Redner vor Ort. Er gab dem NDR dennoch ein Interview, das später nicht gesendet wurde. Der Prof fantasierte von einem anstehenden “Bürgerkrieg”. Von FAZ und Tichys Einblick wird er gerne als Experte befragt und kritisierte schon früh die Maßnahmen. Mehr hier im Thread:

Alubommel und Grundgesetz — Standardausrüstung bei den Protesten. 09.05.20, Hannover

Fürs Grundgesetz?

Wie bei der PEGIDA Bewegung 2014/15 beginnen nun Medien über die Kundgebungen zu berichten. Der erste Bericht der HAZ ist eher zurückhaltend. Auch hier findet der prominente Gast Homburg Erwähnung. Bei der zweiten und dritten Kundgebung hinterfragt die Lokalzeitung die Aussagen der Demonstrant*innen und deren Verhalten.

“Gegen Querfront und Verschwöhrung” — etwa 50 demonstrieren gegen die Veranstaltung von Kai Orak. 09.05.20, Hannover

Und weiter?

Die Gruppe in Hannover wähnt sich im Höhenflug. Man sollte sich bewusst werden: Ein paar Wochen wird es dauern bis eine Änderung der Infektionszahlen sichtbar ist. Die Lockerung von Maßnahmen ist abhängig Rückgang eben dieser und wird nach Landkreis entschieden.

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Freelancer based in Hannover and Munich. Work mainly focused on social movements, politics, far-right extremism and humanitarian crisis. I like multimedia.

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Michael Trammer

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